Mehr Theorie!? Diversität in der Lehre

Parity and Diversity

Wir setzen uns als Fachschaft für eine Kultur der Gleichheit, Vielfalt und Inklusion an unserer Architekturfakultät ein – unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Kontostand.

Der Parity Jour Fixe der Architekturfakultät ist eine Plattform, die ein gerechtes Arbeits- und Forschungsklima an der Fakultät für Architektur fördern möchte. Studierende, Mitarbeiter*Innen und Professoren*Innen diskutieren bei den Veranstaltungen gemeinsam über Gleichberechtigung und Diversität an der Universität sowie in der beruflichen Praxis.

Im Studienjahr 2018/2019 haben wir zusammen mit dem Team der Frauenbeauftragten Doris Hallama zwei Parity Jours Fixes organisiert.

Mehr Theorie!? Diversität in der Lehre

Im Juli 2019 veranstalteten wir mit dem Team der Frauenbeauftragten Doris Hallama den achten Parity Jour Fixe zum Thema „Mehr Theorie!? Diversität in der Lehre“. Für den Inputvortrag konnten wir Maria Conen (Conen Sigl Architekten, Zürich) gewinnen. Dietrich Erben moderierte die anschließende rege Diskussion mit Dietrich Fink, Andres Lepik, Mark Michaeli sowie ca. 60 Vertreter*Innen des Mittelbaus und der Studierendenschaft.

An unserer Architekturfakultät gab es in den letzten Jahren einige Veränderungen: Stephan Trüby ist von der TUM nach Stuttgart gegangen und theoretische Fächer wie „Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design“ und „Architektur- und Designtheorie“ sind gekürzt bzw. vom Pflicht– zum Wahlmodul geworden. Wir fragen uns daher, ob wir in unserer universitären Lehre an der TUM genügend theoretische Inhalte vermittelt bekommen oder ob diese in der entwurfsorientierten „Ausbildung“ zu Architekt*innen nicht zunehmend untergehen.

Gleichzeitig hat sich die Fachschaft im letzten Jahr eingehend mit der großen Frage beschäftigt, wofür unsere Architekturfakultät – eine Fakultät an einer technischen Universität mit einem Bachelor und Master of Arts und drei Fokus-Areas, die inhaltlich ein sehr weites Spektrum abdecken – eigentlich steht. Auch für Annäherungen an diese Fragestellung sollte der Parity Jour Fixe und seine Diskussion uns dienen.

Aber was meinen wir überhaupt, wenn wir über die Bedeutung von Theorie im Architekturstudium sprechen? Wie sich schnell herausstellte, gehen die Meinungen dazu stark auseinander. Während für die Einen gerade die präzise Trennung von Theorie und Praxis in der Diskussion eine Grundvoraussetzung ist, ist sie für die Anderen unzulässig. Ist nur Text und Sprache Theorie? Oder kann auch Darstellung oder Referenzen – fundamentale Bestandteile eines jeden Entwurfs – Teil von Theorie sein?

Wir denken, dass uns Theorie auch in der Praxis weiterhilft und fundamental für das Entwerfen ist. Und in dieser Ansicht hat uns auch Maria Conen bestärkt. Sie berichtete in einem kurzen Überblick über ihre Projekte, beginnend mit Arbeiten noch aus dem Studium bis hin zu aktuellen Projekten ihres Büros Conen Sigl Architekten, wie sie u. A. Texte von Rem Kohlhaas zu ihren Entwürfen inspirierten. Diese auf Texte und andere Quellen referenzierende Art zu entwerfen ist aber für Studierende nur möglich, wenn sie genügend Hintergrund- und Kontextwissen haben.

An unserer Fakultät gibt es mehrere Lehrstühle, die sich mit theoretischen und geschichtlichen Fragestellungen beschäftigen. Die Vorlesungen und Seminare in diesen Feldern werden auch gerne besucht. Die Studierenden, so wird häufig beklagt, können das in Vorlesungen Gelernte oft nicht für ihre Entwürfe fruchtbar machen, weil eine kritische Reflektion und weiterführende Auseinandersetzung des Vorlesungsinhalts nicht gefördert und aufgrund Zeitmangels auch nicht möglich ist – entsprechend nicht stattfindet. Die dafür zur Verfügung stehenden Nebenfächer werden im Laufe der Semester vom jeweiligen Entwurf verdrängt.

Entwurf und Theorie lassen sich bisher im Studium leider nur in wenigen Fällen vereinen. In den meisten Semestern ist es hingegen eine ausschließende Entscheidung für oder gegen die Theorie, für oder gegen den Entwurf. Aber wäre nicht gerade da, wo Studierende die meiste Zeit investieren – im Entwurf – ein Brückenschlag zur Vermittlung von theoretischen und geschichtlichen Inhalten gefordert?

Zudem ist im Architekturstudium eine veränderte Kultur des Lernens zu beobachten. Referenzen werden nicht mehr in Büchern nachgelesen, sondern über Google-Bilder oder Pinterest gefunden und unreflektiert im Entwurf verarbeitet. Das Lesen und Schreiben wird zu wenig gefördert. Tatsächlich kommen Studierende gut durch ihr gesamtes Bachelorstudium, ohne einmal ein architekturtheoretisches oder -geschichtliches Buch geöffnet zu haben. Man kann hier aber nicht einfach von Studierenden fordern, sich dieses Fachwissen selbstständig anzueignen. Auch dazu braucht es professionelle Anleitung und Unterstützung. Es muss ein Format geben – ein verpflichtendes Modul im Bachelorstudium – wo über solche Inhalte gesprochen und diskutiert wird.

Ein weiterer wichtiger Ansatz ist, das reflektierte, selbstständige Arbeiten mehr zu fördern. Würde man den Studierenden in manchen Modulen mehr Freiheiten lassen, würden sich besser Interessensschwerpunkte bilden, was in vielen Fällen bestimmt auch zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit theoretischen und geschichtlichen Inhalten führt.

Was können wir – Lehrende und Lernende der Architekturfakultät – nun tun? Zuallererst sollten wir diskutieren, ob wir wirklich wollen, dass die Theorie im Architekturstudium immer weniger wird – denn dieser Trend ist zu beobachten. Nachdem diese Frage die Fakultät aber immer noch spaltet, keine einstimmige Antwort also vorhanden ist, ist eine ausführliche Diskussion und Reflexion mit den Studierenden und auf allen Ebenen der Fakultät unumgänglich – und wird von uns gefordert.

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